Wenn öffentlich und veröffentlicht auseinanderdriften

Was „die Medien“ schreiben und was „die Leute“ denken, klafft nach Ansicht vieler ziemlich weit auseinander.

Sind die Österreicherinnen und Österreicher hilfsbereite, gastfreundliche Menschen, die die Flüchtlinge mit großen Engagement und viel Mitleid willkommen heißen? Oder haben sie Angst vor den Fremden, fürchten, dass sich islamische Terroristen als Flüchtlinge verkleidet ins Land schleichen, um demnächst furchtbare Anschläge zu verüben?

An diesen beiden Polen kristallisiert sich eine Debatte darüber, ob die Medien des Landes ein realistisches Bild der Wirklichkeit zeichnen oder ein geschöntes. Der Vorwurf: Die „veröffentlichte Meinung“ habe absolut nichts mit der „öffentlichen Meinung“ zu tun, was also die Leute wirklich denken ist nicht, was die Medien gern hätten, dass sie denken. Es wird nicht mehr lange dauern und das hässliche Wort „Lügenpresse“ wird auch hierzulande umgehen.

Dabei geht der Vorwurf von einigen falschen Voraussetzungen aus. Zunächst einmal unterstellt er, dass es eine einheitliche „öffentliche Meinung“ gebe. Nun, wer sich der Mühe unterzieht, mit hundert Leuten über das Thema Flüchtlinge zu reden, wird eine Vielzahl völlig verschiedener, oft konträrer Ansichten hören. Von totaler Ablehnung der Flüchtlinge bis hin zu hingebungsvoller Gastfreundschaft. Wer sich die Mühe macht, die Meinungselemente verschiedener Medien zu konsumieren, wird vermutlich eine Tendenz zur positiven Sicht finden, wobei aber durchaus die Sorgen vor einer Überforderung Österreichs in sehr unterschiedlicher Weise angesprochen werden.

Es gibt also weder „die öffentliche Meinung“ als monolithischen Block noch „die veröffentlichte Meinung“ als Verschwörung der Medienleute zur Irreführung der Bevölkerung.

Wer nun die Forderung vertritt, die veröffentlichte Meinung müsse sich der öffentlichen Meinung anpassen, der unterliegt dem Irrtum, Kommentare in Medien müssten sich an Meinungsumfragen orientieren. Wie klingt denn das in einem Leitartikel, wenn der Autor zum Thema Grenzsicherung durch „bauliche Maßnahmen“ schreibt, zu 15 Prozent sei er strikt dafür, aber zu 35 Prozent dagegen, während er zu 50 Prozent dem Thema gleichgültig gegenüberstehe?

Wenn Kommentare in Medien plötzlich nur noch die öffentliche Meinung spiegeln dürfen, dann ist das das Ende jeder Diskussion. Es ist ja auch Aufgabe von Journalisten, durch pointierte Meinung Debatten zu eröffnen – und wenn möglich auch hitzig zu führen. Wenn es freilich um Tatsachenberichte geht, dann sind Distanz, Ausgewogenheit und größtmögliche Objektivität Pflicht. Auch wenn wir wissen, dass Augenzeugen eines Ereignisses sich niemals einig sind ob der Tatsachen, die sie „gesehen“ haben.