Wenn Klimaschutz zum Mode-Accessoire verkommt

Nur  noch wenige Dummköpfe leugnen die Gefahren des von Menschen gemachten Klimawandels. Umso mehr Menschen rühmen sich eines “persönlichen” Beitrags zur Rettung der Welt, als wäre das ein Stück Modeschmuck.

Viktor Hermann

Auch wenn ein US-Präsident, diverse FPÖ-Politiker und etliche Rechtspopulisten quer durch Europa es nicht wahrhaben wollen: Die wissenschaftlichen Beweise dafür, dass wir Menschen mit unserer Industrie und Lebensweise erheblichen Anteil am Klimawandel tragen, sind anerkannt, unumstößlich und müssten genau genommen rund um die Welt konkrete Maßnahmen auslösen. Dem ist nicht so, leider. Zu viele Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft sehen nur den Berg an kurzfristigen Problemen, der sich durch eine Änderung unseres Wirtschaftens und auch unseres Lebensstils ergibt, nicht aber die Dringlichkeit langfristiger Umstellungen.

Politiker sollten Vordenker sein,  weil sie als gewählte Mandatare für das Wohl einer Gesellschaft verantwortlich sind. Stattdessen orietnieren sie sich an der nächsten Wahl. Der Erfolg von Wirtschaftskapitänen  wird viel zu oft am nächsten Quartalsbericht bemessen als an ihrer Fähigkeit, für die nächsten Jahrzehnte zu planen. Beide verpassen die Chancen, die sich aus einer neuen, an Klimazielen orientierten Politik und Wirtschaftsweise ergeben, weil sie viel zu sehr defensiv denken.

Kein Wunder also, dass sich Jugendliche berufen fühlen, denen Beine zu machen, die sie für verantwortlich halten dafür, dass die Welt schlechte Aussichte hat mit den Gefahren, die da auf uns zukommen. Beeindruckt von den Auftritten der “Fridays for Future”-Bewegung und der Schwedin Greta Thunberg schließen sich zum Glück viele Wissenschafter und  auch etliche Politiker und sogar so mancher Kirchenmann den Forderungen nach konkreten Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung an. Bei aller Liebe: Greta Thunberg  gleich mit Jesus Christus gleichzusetzen zeugt von einer Hybris, die man nicht einmal von Kirchenfürsten erwarten möchte.

Freilich stolpert man da gleich einmal über einige Ungereimtheiten. Von Wissenschaftern darf man erwarten, dass sie den Boden der Wissenschaft nicht verlassen, nur weil sie gerne mit Greta Thunberg öffentlich übereinstimmen wollen. Und beileibe nicht alles, was die neue Bewegung für den Klimaschutz fordert, ist wohldurchdacht. Politikern muss man misstrauen, wenn sie bedingungslos für eine Sache Partei ergreifen, die sie bis vor kurzem noch eher skeptisch betrachtet oder abgelehnt haben. Da liegt der Verdacht nahe, dass so manche Umfrage den Sinn von Politikern rasch wendet, ohne dass ehrliches Umdenken stattgefunden hätte.

Geradezu lächerlich wird es aber dort, wo jemand sein persönliches Bekenntnis zum Klimaschutz vor sich her trägt wie die Monstranz beim kirchlichen Feiertagsumzug. Da wirft sich jetzt so mancher von Flugangst geplagte Mensch stolz in die Brust und behauptet, er fliege niemals irgendwohin, weil er damit seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten wolle. Er unterschlägt dabei geflissentlich, dass er sowieso nie in ein Flugzeug steigen würde, weil er viel zu große Angst vorm Fliegen hat.

Wer sich bisher nicht einmal im Urlaub über die Grenzen seiner Heimat hinaus getraut hat, weil dort alles “fremd” und “anders” ist, weil es dort kein Schnitzel und keinen Schweinsbraten gibt, der verkündet jetzt prahlerisch, er mache Urlaub daheim, weil ja der ökologische Fußabdruck einer Fahrt von Salzburg nach Kärnten weit günstiger sei als der eines Fluges in die Karibik. Fehlt nur noch der Autofahrer, dem der Führerschein entzogen wurde, und der jetzt behauptet, er benutze das Fahrrad als Dienst an der Umwelt.

Der Verzicht auf längere Reise über größere Distanzen mag ja als nette Geste erscheinen. Aber hat schon jemand bedacht, was passiert, wenn nur noch Touristen zu uns kommen, die Österreich per Bahn erreichen können? Dann schrumpft der Beitrag des Tourismus zum BIP ganz schnell und ein ganzer Wirtschaftszweig gerät ins Schlingern, an dem massenhaft Arbeitsplätze und das Wohl von Menschen hängen.

Wollen wir, die wir in den vergangenen Jahrzehnten die ganze Welt kennengelernt haben, den Chinesen und Indern verbieten, dasselbe jetzt auch zu tun?

Wer mit seinem hohen Cholesterinspiegel kämpft und möglichst auf tierische Fette und rotes Fleisch verzichten sollte, kann jetzt stolz behaupten, er lebe vegetarisch oder gar vegan nur der Umwelt und dem Klima zuliebe. Verzwickte Frage am Rande: Rinder gelten als besondere Klimaschädlinge, weil sie mit ihrem auf vegetarischen Ernährung ausgerichteten Verdauungssystem Unmengen von Methan ausstoßen. Gilt das eigentlich auch für Menschen, die sich ausschließlich pflanzlich ernähren?

Umgekehrt muss man auch fragen, ob jene Jugendlichen, die der Welt völlig zu Recht Freitag für Freitag mit ihren Forderungen nach einer nachhaltigen Klimapolitik auf die Zehen treten, auch selbst Einschränkungen ihres Lebensstils akzeptieren möchten. Die Streaming-Dienste des Internets verursachen mehr CO2-Ausstoß als der gesamte weltweite Flugverkehr. Kommt jetzt also zum “Flug-Shaming” auch noch das “Net-Shaming”? Verzichten die Protagonisten der Friday-for-Future”-Bewegung nicht nur auf den Maturafeier-Flug in die Türkei und den Flug zum Schnorcheln am Roten Meer, sondern auch auf Netflix und Co, auf Facebook, Twitter und Instagram?

Greta Thunberg reist klimaschonend mit einer Segelyacht zum Klimagipfel in Amerika, weil sie nicht durch die Benutzung eines Flugzeugs die Klimaerwärmung voranbringen will. Das ist als Marketingmaßnahme effizient,  als Beispiel für künftiges Reisen größerer Menschenmengen aber wohl wenig geeignet. Ganz abgesehen davon, dass es nicht viele Segelboote mit solch gefinkelter Ausrüstung gibt, die eine solche Reise in vernünftiger Zeit absolvieren könnten, dürfte anderen Menschen, die gern klimaschonend nach Amerika fahren wollen, entweder das Geld oder Gretas Popularität  fehlen. Ein Millionär hat eher zufällig von ihrem Dilemma erfahren und die Yacht zur Verfügung gestellt. Ob der Mann das völlig uneigennützig tut oder sich im Glanz der jungen Umweltaktivistin sonnen will?

Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir es schaffen müssen, jede Form von Transport so energiesparend und so klimaschonend wie möglich zu machen. Es wird nötig sein, an manchen liebgewordenen Gewohnheiten Abstriche zu machen. Wissenschaft, Forschung und Industrie sind genauso herausgefordert, technische Lösungen für diese Probleme zu finden, wie jeder und jede einzelne von uns das eine oder andere Opfer wird bringen müssen.

Mit Scheinaktionen, mit klimawirksamem Scheinverzicht, den man wie ein Mode-Accessoire vor sich her trägt, wird es nicht gelingen, den Fortbestand der Menschheit zu sichern.

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