Vertrautheit und Verachtung

Viktor Hermann

Politiker stehen in ihrem Umgang mit der Öffentlichkeit vor einem Dilemma. Einerseits müssen sie sich so volksverbunden geben wie nur möglich, andererseits brauchen sie, sind sie einmal in ein Amt gewählt, eine Pose, die Bedeutung signalisiert. Nur so generieren sie im Publikum jenes Maß an Respekt, das das Amt verdient. Diesen Spagat bewältigen manche, indem sie sich beim Kontakt mit “den Leuten da draußen” möglichst volksselig und amikal geben, im professionellen Umfeld staatsmännisch und nahezu unnahbar.

Andere setzen auf Verhaberung. Da wird aus dem Politiker Alexander Boris de Pfeffel Johnson, der für sein Leben gern Premierminister würde, dann für alle Welt ganz einfach “Boris”. Und so reden ihn nicht nur Politikerkollegen an, auch Journalisten und jeder Passant auf der Straße. Dabei geht freilich das Staatsmännische den Bach runter. Oder kann sich jemand vorstellen, dass man Churchill, Merkel oder Macron nur mit dem Vornahmen rufen könnte?

Das überlässt man den “HCs” und “Jörgs” dieser Welt, die die Anmutung ernsthafter Politik längst auf dem Boulevard vorgetäuschter Leutseligkeit geopfert haben. Die Verhaberung des Politikers mit aller Welt trägt den Autoritätsverlust in sich, der nicht wieder auszubügeln ist. Nicht umsonst sagt ein altes Sprichwort: “Allzu große Vertrautheit erzeugt Verachtung.”

Leave a Reply