Das Land der Gebote, der Vorschriften und der Verbote

Die meisten Verbote, die derzeit gelten, könnte man locker ersetzen durch etwas Verständnis und Rücksichtnahme.

Jetzt ist es also vorbei mit dem hastigen Frühstück in der Wiener U-Bahn, wenn man wieder einmal den Wecker überhört hat und schnell noch auf dem Weg zum Arbeitsplatz ein Weckerl oder ein Kipferl jausnen will. Das Essverbot in den Öffis ist der jüngste Beweis dafür, dass Österreich sich stark zu einem Land der Verbote entwickelt hat. Zu einem Land, in dem bald mehr Dinge verboten als erlaubt sind. In dem man sich morgens beim Verlassen des Hauses noch schnell vergewissern sollte, was man denn dürfe und was nicht.

Alle naselang wird etwas verboten: das Telefonieren mit dem Mobiltelefon, Fußballspielen im Park, Betteln, Taubenfüttern, Rauchen, Das-Gesicht-Verstecken (zielt auf muslimische Frauen, trifft aber auch asiatische Touristen mit Staubmaske, Clowns und Motorradfahrer), Rasenmähen zu bestimmten Tageszeiten, laute Musik, Grillen auf dem Balkon – sag’ mir, was dir Spaß macht, und ich finde einen Politiker, der es dir mit Begeisterung verbieten wird. Erstaunlich ist, dass in einer Zeit, in der das Misstrauen gegenüber der zentralen Macht des Staates allgegenwärtig ist, die Zustimmung der Bevölkerung zu all diesen Verboten überwältigend zu sein scheint. Je mehr Menschen das Gefühl haben, in einer globalisierten Welt die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren, desto mehr sind bereit, sich von Geboten, Vorschriften und Verboten leiten und lenken, ja auch blockieren zu lassen.

Politiker nützen das gerne zur Profilierung. Sie demonstrieren durch Verbote, wie sinnlos diese auch immer sein mögen, dass sie sich um das Leben der Leute kümmern. In Wahrheit engen sie uns durch Gebote und Verbote ein, nehmen uns auch die letzte Freiheit.

Dabei hat sich die Gesellschaft das bis zu einem gewissen Grad selbst zuzuschreiben. Die meisten dieser Gebote und Verbote wären unnötig, erinnerten sich die Menschen daran, dass die Freiheit jedes Einzelnen dort endet, wo sie die Freiheit des Nächsten beeinträchtigt. Niemand bräuchte ein Rauchverbot in der Gastronomie, wäre jeder so rücksichtsvoll, nicht in der Gegenwart von Menschen zu rauchen, die gerade essen. Handyverbote wären unnötig, wäre jedem Telefonierer bewusst, wie sehr sein Gequatsche seinem Nachbarn im Café, im Zug oder wo sonst auch immer auf die Nerven geht. Ob der Geruch von Kebab und Leberkässemmel oder von ungewaschenen Mitreisenden in der U-Bahn schlimmer ist, lässt sich schwer sagen. Beheben lässt sich das eine mit Verzicht, das andere mit der Anwendung von Wasser und Seife. Vielleicht schaffen wir es ja einmal, den nächsten Generationen so viel Takt, Verständnis und Rücksichtnahme einzuimpfen, dass wir irgendwann keine Verbote mehr brauchen.

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